Spoerri-Ausstellungshaus-Vorschau-2

Daniel Spoerri Museum: WOCHENEND-TIPP


13. August 2020 – Suzanne Sudermann

Daniel Spoerri konservierte abgegessene Wirtshaustische und kippte sie in die Vertikale. Das nannte er „Fallenbild“ und wurde recht berühmt damit. Sein allererstes Objekt hängt im Moma in New York. Sein Museum befindet sich im Kamptal. 

Der Hunger des Künstlers nach Kunst

VONsociety: schwarz-weiß Aufnahme von Daniel Spoerri aus der Vogelperspektive. Er sitzt auf einem Stuhl, hält eines seiner "Fallenbilder" auf dem Schoß und blickt nach oben in die Kamera
Daniel Spoerri mit einem fixierten Tisch, 2009 © Barbara Räderscheidt

Eigentlich hieß er von Haus aus Daniel Isaac Feinstein. Ein schöner Name, prädestiniert zum Beispiel für eine Bildhauerkarriere. Und wäre er in Rumänien geblieben, wer weiß, ob sich dieser Künstler überhaupt zu einem selbigen entwickelt hätte. Obwohl, das künstlerische Talent steckte von Anfang an in ihm und es musste raus, das spürte er. Aber zuerst einmal flüchtete die Familie vor den Faschisten aus Rumänien in die Schweiz zum Bruder der Mutter, einem Theodor Spoerri, Rektor der Universität Zürich. Hier nun, seßhaft in der Schweiz, nahm die Familie Feinstein den Namen Spoerri der Mutter an. Für den jungen ungestümen Daniel wurde Tanzen eine wichtige Ausdrucksform. Ein Tanzlehrer nahm sich seiner an und ermöglichte ihm eine Ballettausbildung. Er brachte es sogar bis zum Solotänzer am Stadttheater Bern.  

Nouveau Réalisme

In Paris, wo sich Spoerri sich 1959 im Rahmen eines Tanzstipendiums aufhielt, knüpfte er Kontakte zu den dortigen Künstlerkreisen. Die Bekanntschaft mit Jean Tinguely beeinflusste seine künstlerischen Ambitionen zutiefst. Sein erstes Tableau piège („Fallenbild“) das heute im Museum of Modern Art in New York hängt, heißt „Kichka‘s Breakfast“ und zeigt vollkommen schnörkellos und realistisch auf einem Holzbrett die Utensilien eines gemeinsamen Frühstücks mit der Freundin Kichka. Und zwar so puristisch, dass es wehtut. Dieses Tableau wurde gewissermaßen seine Eintrittskarte in die Pariser Avantgarde und passte perfekt ins Programm einer neuen Kunstrichtung, dem „Nouveau Réalisme“ – einer Darstellung der Wirklichkeit, so wie sie ist. Künstler wie Jean Tinguely, Arman und Yves Klein warfen alte Sehgewohnheiten radikal über Bord und schlugen neue innovative Wege ein. Auf diesen Wegen ging nun auch Daniel Spoerri. 

VONsociety: Close up eines Fallenbilds von Daniel Spoerri. Auf der an der Wand hängenden Tischplatte sind die Teile abgegessenen Tischs zu sehen. Blaue Eierbecher in denen die Eierschale steckt, leere weiße Glasflasche, Nussknacker und 2 Walnüsse, der Teil eines weißen Tellers auf dunkelblauem Platzteller, auf dem ebenfalls Nussschalen liegen
Das ist nicht „Kichka’s Breakfast“, zeigt aber auch einen Frühstückstisch.
Das „Fallenbild“ hängt im Ausstellungshaus Spoerri in Hadersdorf am Kamp © Andrea Harris

Die „Fallenbilder“

In der Hässlichkeit des Abfalls die Kunst sehen … das war die Philosophie des Nouveau Réalisme. Es entstanden Werke aus zerrissenen überklebten Plakatwänden oder dem Inhalt von Papierkörben. LKW-Planen wurden zu Gemälden stilisiert, Autos zu Kuben gepresst oder sinnlose Maschinen aus Schrott zusammengesetzt. Man denke auch an Edward Kienholz, der von Amerika aus, ebenfalls wertlosen Schrott zu begehbaren Environments gestaltete.

Und Spoerri kreierte seine „Tableaux piège“: Verlassene, abgefressene Wirtshaustische mit allem Drum und Dran inklusive schmutzigem Besteck und vollen Aschenbechern, eben alles was ein kulinarisch durchzechter Abend so hervorbringt. Das befestigte Spoerri so wie es war auf den jeweiligen Untergrund oder gleich aufs Tischtuch und hängte die Platte an die Wand. Fertig war das „Fallenbild“.

VONsociety: Daniel Spoerri Faux Tableau piège
Assemblage, 2007 © Rita Newman
Daniel Spoerri Faux Tableau piège
Assemblage, 2007 © Rita Newman

Aber keineswegs nennt man es so, weil die Gegenstände vielleicht herunterfallen könnten. Es geht vielmehr darum, den Sehgewohnheiten eine Falle zu stellen, ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit in neuer Perspektive, eine Momentaufnahme eingefroren für die Nachwelt. Man beginnt zu sinnieren: Wer hat da gesessen, gegessen, getrunken? Welche Tischgespräche tauschte man aus? Was für eine Geschichte erzählt diese Tafel? 

Eat Art, die andere Seite des Kochens

„Die Erotik ist sehr oft ein Thema in der Kunst, aber das Essen wird wenig behandelt“, sagte Spoerri einmal. Mit dem Essen und den Grundlagen der Ernährung beschäftigte er sich ja immer wieder. In unseren Breitengraden isst man Schwein und Rind, an anderen Ecken der Welt, wo es diese Tiere nicht gibt, wird ganz anderes verspeist, Insekten zum Beispiel – irgendwo muss das Eiweiß ja schließlich herkommen.

VONsocieety: schwarz-weiß Foto von Daniel Spoerri an der Kunstakademie München ca. 1982. Er hat einen Kürbis vor sich, hält ein Messer in der rechten Hand, und setzt an, damit in den Kürbis zu stechen.
Daniel Spoerri an der Kunstakademie München, um 1982 – Fotograf: unbekannt

1980 eröffnete Spoerri mit dem Koch Carlo Schröter in der Altstadt von Düsseldorf ein Restaurant. Nicht irgendeines. Auch hier sollten Gewohnheiten umgedreht werden, nämlich die Essgewohnheiten. Es wurden so exotische Sachen kredenzt wie Schlangenkotelett, Löwengulasch oder Elefantensteak. Kaum einer hat’s wohl probiert aber das Konzept stellte eine willkommene Sensation für die Presse dar. Zwar nicht gewollt wie man im Hause Spoerri betont. Aber das Lokal war halt immer gut besucht, Rindersteaks und Schweinecurry gab es schließlich auch. Im Schaufenster des Restaurants lag ganz verlassen nur ein kleines Stück Fell in der Größe einer Katze. Nichts sonst. Aber bei näherem Hinsehen atmete dieses Fell, ganz sachte, ganz ruhig. Ein atmender kleiner Pelz (Anm.d.Redakteurin: Ich vergesse es nie. Während meines Designstudiums in Düsseldorf bin ich immer wieder hingegangen, nur um dieses Fell zu sehen, es war einfach faszinierend. Nun im Gespräch erfahre ich, der Künstler des atmenden Fells heißt Günter Weseler).

Daniel Spoerri: Rezeptbibliothek, 1990
10 Portfolios mit Rezepten ausgewählt von Daniel Spoerri,
illustriert von: Christian Ludwig Attersee, Johannes Blume, Katharina Duwen, Karl Gerstner, Alfred Hofkunst, Bernhard Luginbühl, Dieter Roth, Sabine Schroer, Fritz Schwegler, Roland Topor
© Daniel Spoerri

Spoerri umgab sich schon immer mit den großen Erneuerern. So gründete er zwei Jahre nach der Restauranteröffnung im ersten Stock eine Galerie für eine Kunstform, die er „Eat Art“ nannte. Es wurden Ausstellungen von Künstlern gezeigt, die leidenschaftlich mit den neuen Gewohnheiten spielten. Beuys hängte Fischgräten an die Decke, Richard Lindner formte aus Lebkuchen eine seiner typischen Sexbomben, und Günther Uecker rammte seine Nägel in Essbares. 

VONsociety: Brotteigobjekt von Daniel Spoerri. Zu sehen ist eine alte Schreibmaschine, die mit Brotteig gefüllt wurde
Daniel Spoerri: Brotteigobjekt
Schreibmaschine mit Brotteig gefüllt, 1980 © Rita Newman

Appetit auf Essen und Kunst

Die Freundschaft zwischen Spoerri und Hans Schmid reicht bis in die 1970er Jahre zurück. Als der Werbeguru sein Restaurant Pfarrwirt in Döbling eröffnete, wünschte er sich ein „Fallenbild“ von Spoerri. Das hängt seitdem raumbreit als langer Fries gegenüber der Schank. Als Hommage an das Essen, an gesellige, sinnliche Momente an einer genussreichen Tafel. Hans Schmid der Winzer, steuerte bei der Eröffnung des Ausstellungshauses in Hadersdorf seinen Wein bei.

VONsociety: Fotos des "Fallenbild" von Daniel Spoerri in Restaurant Pfarrwirt. Es hängt an der Wand über der Schank.
Im Restaurant von Werbeguru und Winzer Hans Schmid hängt ein Fallenbild von Daniel Spoerri
© Pfarrwirt

Hadersdorf liegt im Kamptal in Niederösterreich und ist ein verschlafenes 2000-Seelendorf mit einem schön herausgeputzten Hauptplatz. Hier befinden sich zwei Häuser, die Spoerri 2009 erwarb. Nach langen Aufenthalten in Frankreich, USA/New York, Deutschland und Italien, wo er einen Skulpturengarten, den Il Giardino di Daniel Spoerri in der Toskana gründete und über zwei Jahrzehnte gestaltete, zog es ihn wieder nach Wien. Hier hatte er einst an der Akademie der bildenden Künste eine Gastprofessur inne. Er mietete eine Wohnung fußläufig zum Naschmarkt, sehr wichtig wegen des dortigen Flohmarkts mit all seinen Schätzen!

VONsociety:
Die Ausstellungsräume liegen in Spoerris Haus, das direkt am Hauptplatz in Hadersdorf steht.
An den begrünten Innenhof schließt ein Gebäude an, in dem auch Werke junger Künstlerinnen und Künstler zu sehen sind
© Andrea Harris
VONsociety: Innenansicht Ausstellungshaus in Hadersdorf
Im Museum in Hadersdorf am Kamp werden wechselnde Ausstellung mit Werken von Daniel Spoerri im Dialog mit anderen Künstlerinnen und Künstlern gezeigt © Andrea Harris

Nach Hadersdorf kam Spoerri durch eine Assistentin, die aus der Gegend stammte. Das Museum am Hauptplatz mit seinen stetig wechselnden Ausstellungen ist ein Geheimtipp. Altes und Neues von Spoerri wird dort gezeigt; immer im Dialog mit Werken anderer Künstler. In diesem Jahr geht es dabei um die Eat Art.

Werke junger Künstler zum Thema „Eat Art“, in einem Nebengebäude des Museums © Andrea Harris

Im zweiten Haus am Platz, schräg gegenüber, befindet sich, wie sollte es anders sein, ein Restaurant, das sogenannte Esslokal. Natürlich auch mit Kunst von Spoerri „verziert“. Eines der Lieblingsgerichte des Künstlers ist übrigens Kartoffelstock, das ist Schweizerdeutsch und meint Erdäpfelpürree. Überhaupt liebt er Bodenständiges, hat gern die einfache Küche, auch die österreichische. Die Anwesen in Italien und Hadersdorf sind mittlerweile in eine Stiftung umgewandelt.

Anfragen zu Ausstellungen, Interviews, Leihgaben und Preisverleihungen kommen nahezu täglich herein, erzählt Barbara Räderscheidt, die Managerin des Spoerri Unternehmens in Hadersdorf. Spoerri, mittlerweile 90jährig, zieht sich mehr und mehr vom Rummel zurück. Seine letzte große Ausstellung war vor vier Jahren in Regensburg/Deutschland anlässlich der Verleihung des Lovis Corinth Preises. Spoerri reiht sich mit diesem Preis in die illustre Reihe seiner Kollegen Markus Lüpertz, Sigmar Polke und Christian Ludwig Attersee ein.

Im lauschigen Garten stehen Skulpturen des Künstlers © Andrea Harris

Der kinderlose Objektkünstler war dreimal verheiratet, seine deutschen Frauen leben in Amerika und Frankreich. Am liebsten umgibt er sich mit jungen Leuten, die wie er neugierig und aufmerksam sind und auf die er nach wie vor große Ausstrahlung ausübt. Der Verlust der „alten“ Freunde ist bitter, viele sind schon gegangen. Von der Coronakrise hat Spoerri persönlich nicht viel mitbekommen. Er musste ebenfalls wie alle anderen zuhause bleiben, das hat sein alltägliches Leben aber nicht sehr verändert.

Es ist der Zweifel, der ihn immer noch vorantreibt. Er hat keine vorgefertigten Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Der Sinn sei immer anzuzweifeln, meint er, bloß keine fertigen Rezepte parat haben, weil dies nur Stillstand bedeutet. „Das Leben als Kunstwerk zu gestalten, scheint mir eine ganz nette Lebensbeschäftigung zu sein“, sagte er einmal. Wie wunderbar, wenn dies gelingt.

AUSSTELLUNGSHAUS SPOERRI
Hauptplatz 23 | A-3493 Hadersdorf am Kamp
+43 2735 20 1 94 | +43 664 884 547 87
Bis Oktober geöffnet: Freitag – Sonntag von 11.00 – 17.00 Uhr

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