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Interview Miuccia Prada: „Duft ist reiner Instinkt“

Miuccia Prada hat noch nie ein Interview zu ihren Düften gegeben – bis jetzt. Mit der Einführung von La Femme Prada und L’Homme Prada bricht sie mit dieser Tradition. Für die Italienerin ist die Welt des Parfums eine lebenslange Passion, persönlich und tiefgründig: „Duft ist reiner Instinkt“, meint Miuccia Prada.

Ihre neuen Parfums sind die olfaktorische Essenz des Modehauses. Sie entstanden in Zusammenarbeit mit der herausragenden Nase Daniela Andrier und Pradas Designdirektor Fabio Zambernardi.

 

Wie begann Ihre Arbeit mit Düften?
Miuccia Prada: Ich liebe Parfums sehr. Qualität kann ich innerhalb von Sekunden erkennen. Obwohl ich Wein trinke, verstehe ich ihn nicht wirklich. Bei Parfum ist das anders. Düfte sind eine instinktive Angelegenheit für mich. Ich erinnere mich daran, als ich sechzehn war, und die Mutter eines Freundes dieses unglaubliche Parfum hatte. Von diesem Parfum war ich wie besessen. Ich besuchte sie und roch daran im Badezimmer.

Es kam aus einem kleinen Betrieb in der Madison Avenue, den es nicht mehr gibt, er hieß Shelley Marks. Ich hatte andere Parfums, aber in dieses habe ich mich wirklich verliebt. Es war eine richtige Manie. Ich flog immer wieder nach New York und kaufte das Parfum in diesem kleinen Laden, in dem immer ein alter Mann stand, der nur im Sommer zusammen mit einigen Schülern Parfums machte.

 

Es war eine große Anziehung, eine Liebesgeschichte …
MP: Das erste Parfum, an dem ich mich versucht habe, basierte auf diesem. Ich ging mit dem Flakon zu einem Mann und erzählte ihm, woran ich mich erinnern konnte. Es war alles in meinem Kopf. Ich versuchte, die Erinnerung an diesen Duft zu übersetzen.

Und genau das war mein erstes Parfum: Prada Amber. Jetzt übernimmt Daniela Andrier häufig diesen Part für mich. Vor einigen Jahren sagte sie zu mir: „Januar, Februar, März …“. Sie hatte unterschiedliche Versionen von dem Duft geschaffen. Den letzten, den sie mir gab, trage ich heute, und er gefällt mir sehr. Ich beschäftige mich also immer noch damit.

 

In einem gewissen Sinne tragen Sie also die Version einer Erinnerung. Haben Sie das Gefühl, dass dieser Duft ein Teil von Ihnen geworden ist?
MP: Ich weiß nicht, was genau mich so sehr anzieht … Wir haben ein sehr enges Verhältnis zu Düften. Manchmal geht es um eine Fantasievorstellung, aber für mich ist es etwas wirklich Körperliches und völlig Instinktives.

 

Ist es Instinkt, der letztendlich die Anziehungskraft eines Duftes bestimmt? Die Menschen sehen Sie als stark von Ideen beeinflusst, dennoch scheint es, als habe der Instinkt bei Ihnen Vorrang – und dann erklären Sie den Instinkt mit Ideen.
MP: Ganz genau.

 

Wie lässt sich das nun auf La Femme Prada und L’Homme Prada übertragen?
MP: Letztendlich habe ich versucht, eine sehr hohe Qualität zu erreichen – und das ist uns, glaube ich, auch gelungen. Was meiner Ansicht nach am schwierigsten ist und das ist auch der Grund, warum ich zu Beginn meiner Karriere keine Parfums machen wollte, ist meine Furcht vor der Werbung. Denn hierfür muss man die ganze Fantasiewelt des Parfums reduzieren. Man reduziert diese abstrakte Vorstellung, die im Wesentlichen wie Musik funktioniert, auf ein Bild. Sich auf diese Weise festzulegen, ist sehr schwierig.

In der Mode geht es um diese Person, jemand, der sich möglicherweise verändert und den man häufig verändern kann. Beim Parfum muss man einen Eindruck von einer ganzen Welt liefern. Und das ist fast unmöglich. Und jetzt zur Einführung des neuen Parfums für Männer und Frauen mache ich mir natürlich immer noch Gedanken über die Werbung.

Für gewöhnlich zeigt man generisch eine Frau und einen Mann, und wir haben beschlossen, dass wir mehr als eine Frau und einen Mann wollten. Es gibt eine Vorstellung von La Femme Prada und L’Homme Prada, aber eigentlich existieren sie nicht, es sind viele. Also haben wir zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler, die jeweils drei oder vier Rollen übernehmen.

VONsociety: Prada La Femme, Mia Goth © Steven Meisel

Mia Goth ist eines der interessantesten Talente der neuen Schauspielergeneration. Ihre erste große Filmrolle übernahm sie in Lars von Triers Nymphomaniac, wo sie neben Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Shia LaBeouf (mit dem sie seit Kurzem verheiratet ist) und Jamie Bell spielte. Die junge Britin verkörpert gemeinsam mit Dane DeHaan, Mia Wasikowska und Ansel Elgort als Erste die Eleganz von Prada © Steven Meisel

 

Idealerweise ist dies das Hauptkonzept, dass die Traumvorstellung von einer Frau oder einem Mann nicht von einer einzelnen Ikone verkörpert wird. Tatsächlich ist es genau das Gegenteil, diese Menschen stehen für die Realität, die Unterschiedlichkeit und so weiter und so fort.

VONsociety: Prada L'Homme, Dane DeHaan © Steven Meisel

Dane DeHaan avancierte innerhalb kürzester Zeit zu einem unkonventionellen Hauptdarsteller. Der Amerikaner liebt die Komplexität und Herausforderung von Charakterrollen. In der Frühjahr-Sommer-Kampagne 2013 war Dane DeHaan zum ersten Mal als Model für Prada zu sehen © Steven Meisel

 

Und dann gibt es da diese Flüchtigkeit der Identität, insbesondere, wenn man es mit einer Marke zu tun hat und diese Marke den eigenen Namen trägt …
MP: Deshalb werde ich immer ganz nervös, wenn ich über Parfum reden soll! Immer geht darum, sich festzulegen, um eine bestimmte Rhetorik, dabei glaube ich eigentlich an das Gegenteil.

Und genau deshalb liebe ich Parfums. Es ist ein Anlass, sich auf Gefühle, Irrationales und Instinkt zu konzentrieren.

 

Vermutlich kommt das daher, dass es so schwierig ist zu bestimmen, warum man ein Parfum mag, es ist mehr so ein Gefühl. Entweder mag man es oder man mag es nicht …
MP: Oder es berührt einen oder eben nicht. Es ist ein bisschen wie Musik, würde ich sagen, abstrakt und natürlich sehr seelenbetont.

 

Wie wollten Sie die Welt der Frauen und Männer über die Düfte erforschen? In Ihrer Mode habe ich oft den Eindruck, dass Sie mit Männern experimentieren und etwas durchaus Raues und Konfrontatives schaffen, und dann werden diese Ideen für die Frauen verfeinert und mit unterschiedlichen Schichten der Komplexität versehen.
MP: Ich wollte diese beiden Düfte gemeinsam vorstellen, mit demselben Konzept, demselben Fotografen (Anm.: Steven Meisel), so dass sie wirklich austauschbar sind, das gefällt mir. Außerdem würde ich persönlich sagen, dass ich Herrendüfte fast immer liebe, wenn sie etwas exotischer und femininer sind. Allgemein habe ich festgestellt, dass ich Männerdüfte anziehend finde, wenn sie einige feminine Noten enthalten.

VONsociety: Prada La Femme, Mia Wasikowska © Steven Meisel

Mia Wasikowska wurde mit ihrer Hauptrolle in Tim Burtons Verfilmung von Alice im Wunderland international bekannt. In herausfordernden epischen und literarischen Rollen läuft die Australierin zu schauspielerischer Höchstform auf. Das Time Magazine setzte sie mit nur 21 Jahren auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten © Steven Meisel

 

Wenn die Düfte La Femme Prada und L’Homme Prada getragen werden und sie langsam verblassen, werden sie einander immer ähnlicher. Zum Schluss riechen sie fast gleich. Eine Reflexion über die Natur vielleicht.
MP: Es gibt keine männliche und weibliche Blüte, die unterschiedlich riechen. Und sie haben keine männlichen oder weiblichen Namen – es gibt keine Blumen für Männer und Blumen für Frauen.

 

VONsociety: Prada L'Homme, Ansel Elbort © Steven Meisel

Ansel Elgort ist Schauspieler, Musiker, DJ und Produzent. In der Musikbranche ist der Amerikaner unter dem Namen „Ansolo“ bekannt. Seine Schauspielkarriere begann der klassisch ausgebildete Tänzer auf der Theaterbühne. Er konnte sich rasch mit Hauptrollen etablieren. Demnächst ist er im Kinofilm Baby Driver gemeinsam mit Kevin Spacey, Jamie Fox, Jon Hamm und Lily James zu sehen © Steven Meisel

Identität und Erinnerung spielen bei diesen Düften eine große Rolle …
MP: Und Instinkt natürlich, und dass man nicht genau weiß, was einen berührt. Es ist genauso, wenn man sich von einem Menschen angezogen fühlt, es gibt keinen ersichtlichen Grund. Parfum deckt die unbekannten Dinge ab, Rätsel und Instinkt. Parfum ist nicht logisch, das ist schon mal klar.

 

Aber die Menschen denken häufig, dass Sie sehr logisch und rational sind…
MP: Ich bin eher menschlich und instinktiv als rational. Den Teil habe ich auch, aber der andere Teil überwiegt.

 

Hatten Sie bei der Kreation des Dufts bestimmte Frauen und Männer im Kopf?
MP: Nein, nicht wirklich. Ich glaube an die Individualität, und ich hatte nie diese eine Ikone, die eine Frau. Ich mag sehr viele unterschiedliche Männer und Frauen, aber eine Stilikone? Nein, niemals. Ehrlich gesagt, verabscheue ich diese Vorstellung.

 

Es gab eine bestimmte klassische Herangehensweise an die Bilderwelt für ein Parfum. Etwas Vereinfachtes mit der Konzentration der Portraitdarstellung, eines Charakters oder einer Person.
MP: In dieser Kampagne, selbst wenn die Figur nackter oder bedeckter ist, wollten wir unterschiedliche Aspekte einer Persönlichkeit beleuchten, aber immer im Rahmen des Portraits. Wir wollten sagen: „Du bist, wer du bist und was du sein willst. “

 

Ist es auch das, was Sie über die Menschen denken, die Ihre Kleidung tragen?
MP: Ich war immer der Meinung, dass es Menschen gut geht, wenn sie sich in dem, was sie tragen, glücklich fühlen.

Jedem geht es gut, wenn er seine Gedanken und sich selbst mag. Ein solcher Mensch ist selten. Es setzt eine Menge Selbstbewusstsein voraus, oder einen Willen, eine Vorstellung davon, wer man ist. Bei einer Frau mit einem Willen geht es nicht um Macht, es geht um jemanden, der das eigene Leben genießen will.

 

In allem, was Sie tun, liegt immer auch eine Vorstellung von Qualität und Kunstfertigkeit. Aber da gibt es auch das Gespür für die Kunstfertigkeit von Ideen und Erfahrungen.
MP: Im Allgemeinen mag ich starke Düfte. Und die Qualität muss stimmen. Da gibt es keine Kompromisse. In der Parfümerie hat Qualität einen besonders hohen Stellenwert. Denn entweder es ist genau der Duft, oder es funktioniert einfach nicht.

 

Bei den neuen Parfums geht es offensichtlich um einen Sinn für Tradition mit einer leichten Dissonanz. Was ist die Inspiration dahinter?
MP: Wir haben eine Basis, die leicht exotisch aber gleichzeitig frisch ist – das ist etwas, was ich generell sehr mag. Das ist immer der Ausgangspunkt.

 

Vieles, was Sie tun, lässt sich anscheinend auf zwei Ebenen interpretieren. In Ihrer Mode kann man das Schöne in etwas, das sonst als pervers betrachtet wird, sehen. Aber mit Parfum kann man diese Spiele nicht spielen, das kommt von Herzen. Es ist emotional.
MP: Ja, und wenn man es trägt, geht es vor allem um Genuss. Wenn man ein Parfum aufträgt, ist das ein Moment des Genießens, ganz sicher. Und wenn man es wirklich mag, ist es mehr als Genießen. Es ist wie das Essen eines Kuchens, den man sehr gerne mag, wenn man so will.

 

Also gibt es da für Sie den reinen Genuss und die Sinnlichkeit bei einem Parfum, ohne intellektuelle Spiele.
MP: Hier wird kein Spiel gespielt. Deshalb ist Parfum meist so viel schwieriger, weil es einen verpflichtet, noch ehrlicher zu sein. In der Mode kann man spielen, da man so viele Anlässe und unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten hat.

Beim Parfum habe ich festgestellt, dass ich so nervös werde, weil ich nicht spielen kann. Man kann nicht gewitzt oder lustig sein, es ist, was es ist. Man muss bis zum Kern vordringen.

 

Nun, es ist das, was Sie uns über Ihren ersten Duft erzählt haben. Es ist wie Verliebtsein.
MP: Man kann nicht so tun, als wäre man verliebt, entweder ist man es oder eben nicht. Hier stoßen wir an die Wahrheit.

La Femme Prada

prada-femme_flakon-verpackungLa Femme Prada vereint Tradition mit Exotik. Mit strahlend-blumigem Frangipani, Ylang-Ylang, Bienenwachs, Vanille und Tuberose. Vetiver rundet die Kreation ab.

 

L’Homme Prada

VONsociety: Prada L'Homme, 100 m l FlakonL’Homme Prada – ein kontrastreicher, sinnlicher Fougère-Duft. Getragen von Orangenblüte, Geranie und Patschuli. Mit Iris und Amber, den Kernelementen der männlich-weiblichen Signatur von Prada, Pfeffer und Zedernholz.

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