WERKX_front_c_YasminaHaddad

WERK X – THEATER AM ARSCH DER WELT

Ein neues Theater in Wien lässt aufhorchen und wird langsam immer lauter. Muss es auch, denn es steht weit draußen im 12. Bezirk. Da kommen aus der Innenstadt nur die Hartgesottenen zu Gast. Nämlich Leute, die Ambitioniertes auf der Bühne erwarten und dafür auch mal ihre Komfortzone verlassen. Kuscheliges Wohlfühltheater findet man hier jedenfalls nicht.

 

Werk X Claim3

DER MACHER

Harald Posch ist seit 2014 künstlerischer Leiter und Geschäftsführer beim Werk X. Der Grazer gründete 1989 die Satire-Gruppe Habsburg Recycling und arbeitet seitdem als Schauspieler, Autor und Regisseur an namhaften Häusern und für zahlreiche Film- und TV-Produktionen. 2004 folgte das Drama X zusammen mit Ali M. Abdullah, der auch jetzt wieder in gleicher Funktion beim Werk X an seiner Seite ist. Zwischen Werk X und Drama X leitete er fünf Jahre das Theater-Projekt Garage X, Nachfolger des Ensembletheaters am Petersplatz. Wir baten das Multitalent Harald Posch zu einem Interview.

VONsociety: Werk X, Harald Posch, künstlerischer Leiter, Geschäftsführer WERK X © Peter Rainer

Harald Posch – künstlerischer Leiter und Geschäftsführer WERK X © Peter Rainer

Herr Posch, wo kommen die vielen X her?
Als wir Drama X gründeten, hatten wir noch keinen Namen, waren aber schon mittendrin. Es fiel uns nix ein, wir gaben dem Baby vorläufig also einen Arbeitstitel, X war quasi der Platzhalter. Dabei ist es dann geblieben und zieht sich jetzt so durch.

Wie kamen Sie zu diesem Job beim Theater Werk X ?
Man bewirbt sich vor einer Jury beim Kulturamt der Stadt Wien. Wir wurden dann bestellt für vier Jahre. Das heißt, ich bin hier als künstlerischer Leiter und Geschäftsführer natürlich angestellt, ebenso wie unser Stab von Schauspielern und alle Mitarbeiter im Büro. Wir haben aber komplett freie Hand bei den Stücken und wie wir sie anlegen.

Wo würden Sie sich ansiedeln vom Konzept her?
Wir sind ein Sprechtheater, die „Proletenpassion“ mit der Rockband ist da eher die Ausnahme. Es gibt immer einen Popfaktor, schon auch trashig umgesetzt. Kritiker gaben uns Attribute wie, „Theater Zentrifuge“ oder „Neurosenfeuerwerk“. Poppige Abende mit Humor und Intelligenz, Kritik aber ohne moralischen Zeigefinger, Lachfaktor ohne Boulevard. Und bei allem, was wir tun, macht der Inhalt die Form, nicht die Form den Inhalt.

Welche Zielgruppe haben Sie im Visier?
Das urbane, progressive Publikum jeden Alters. Leute, die über den Tellerrand schauen.

Es gibt ein zweites Theater, dem Sie vorstehen.
Richtig. Unter dem Dach Werk X bespielen wir auch das ganz frühere Ensembletheater am Petersplatz. Das firmiert nun unter dem Namen Werk X – Eldorado mit drei Aufführungen pro Woche und 120 Sitzplätzen. Ein kleines feines Theater mit Werkstattcharakter und einem Ambiente wie ein Berliner Club. Es gab (und gibt noch) den legendären Wohnwagen als Bar. Hier gastierten 2012 und 2013 die Wiener Festwochen. Da hieß es noch Garage X und wurde von mir geleitet. Aber das platzte dann aus allen Nähten. Vor allem bei internationalen Austausch-Gastspielen. Bei einer Produktion des Residenztheaters München passte das Bühnenbild nicht mehr durch die Tür. Wir brauchten mehr Raum und wollten auch konkurrenzfähig mit größeren deutschen Partnern werden. So sind wir auf das Gelände am alten Kabelwerk gekommen, hier im 12. Bezirk in Wien-Meidling. Am Petersplatz spielen wir freie Stücke. Das ist unser offen kuratierter Ort für die freie Szene.

Wie ist Ihre Bilanz nach einer Saison Spielzeit?
Wir sind bei 81 Prozent Auslastung, das ist für ein erstes Jahr sehr gut. Die Besucherzahlen gehen kontinuierlich nach oben. Das lässt sich hoffentlich noch steigern. Ich bin jedenfalls für’s Erste zufrieden.

Was würden Sie unseren Lesern noch gerne sagen?
Ich sag’s mal ganz provokant: Arsch hoch nehmen! Der Weg ist kürzer als man denkt! Mit der U6 ist man super angebunden.

WERK X

Sechs U-Bahn-Stationen muss man schon fahren, mit dem Auto geht es auch nicht schneller. Einen Parkplatz zu finden ist mühsam. Angekommen taucht man ein ins Meidlinger Wohngebiet im urbanen Vorstadtflair. Hier errichtete der Unternehmer Otto Bondy 1903 eine Fabrik zur Erzeugung von isolierten Drähten und Kabeln aller Art. Er wurde der wichtigste Arbeitgeber in diesem Bezirk, bis zu 700 Mitarbeiter standen bei ihm in Lohn und Brot. Das Werk wurde 1997 stillgelegt und später abgerissen.

Kabel- und Drahtwerke AG, Gesamtansicht © Bezirksmuseum Meidling

Kabel- und Drahtwerke AG, Gesamtansicht © Bezirksmuseum Meidling

Es entstanden auf dem Gelände des früheren Kabelwerkes 550 Mietwohnungen, eingebettet in Gärten, Promenaden, mit Geschäften und Lokalen. Auch kulturelle Einrichtungen entstanden. Peter Stein hat hier seinen Mammut-Faust inszeniert und der ORF sein Taxi Orange. Nun ist das Werk X hier eingezogen mit zwei Sälen für 600 Zuschauer, die in erster Linie Eigenproduktionen und

Werk X © Yasmina Haddad

Werk X – vom Kabel- und Drahtwerk zum Theater für progressives Publikum jeden Alters. Für Leute, die über den Tellerrand schauen. © Yasmina Haddad

Kooperationen mit den innovativsten Stadt- und Staatstheatern im deutschsprachigen Raum erwarten dürfen. Nach Umbauten wird die Spielstätte auch großformatige Produktionen realisieren können. Nur die verwitterte Mauer im Hof zeugt als ein rudimentärer Restbestand des Werksgebäudes vom alten Kabelwerk. Der Name ist geblieben. Man wohnt im Kabelwerk und geht hier ins Theater.

WERK X
Oswaldgasse 35 A – 1120 Wien – T: +43 1 535 32 00
www.werk-x.at

 

Newsletter anmelden


NEWSLETTER ANMELDUNG